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  • Markus Brandstetter

Till Brönner im Interview (2022): „Ich bin selbst mein größter Kritiker“


Till Brönner
Ulla Lommen / Pressefoto / Sony Classical

For the english version of this interview, click here


Till Brönner ist zweifellos einer der bekanntesten und erfolgreichsten Jazzmusiker Deutschlands. Die Liste mit Größen, mit denen er im Laufe seiner mittlerweile fast drei Dekaden umspannenden Karriere gearbeitet hat, ist beeindruckend wie vielfältig: Er spielte mit Dave Brubeck und Ray Brown, er produzierte Alben für Hildegard Knef und Thomas Quasthoff — und er trieb sich auch immer wieder in der Popwelt herum. Für die Jazzpolizei hatte Brönner hingegen nie große Sympathien, was definitiv auf Gegenseitigkeit beruhte. Zu kommerziell, zu anschmiegsam sei seine Musik, werfen ihm Kritiker immer wieder vor. Brönner (derzeit auf Weihnachtstorunee, Tourdaten siehe unten) sieht es mittlerweile gelassen.


Im Interview mit Markus Brandstetter spricht Till Brönner über sein Debütalbum, Jazz, seine Arbeit mit Dave Brubeck, Ray Brown und Hildegard Knef, die Jazzpolizei und das Leben in Los Angeles.


Pressefoto/Universal

Till Brönner: Das Interview


Till Brönner, im Februar 2023 ist es 29 Jahre her, dass Sie Ihr Debütalbum „Generations of Jazz“ veröffentlicht haben. Zu hören war darauf unter anderem der legendäre Kontrabassist Ray Brown. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit, mit welcher Einstellung gingen Sie an dieses Projekt heran?


Ich war zu dieser Zeit bereits seit ein, zwei Jahren im RIAS in Berlin bei dem dortigen Orchester angestellt — und hatte einen Mitstreiter gefunden, der auch in der Band saß und den gleichen Traum wie ich hatte: nämlich mit Ray Brown und Jeff Hamilton eine Platte aufzunehmen. So haben wir diese Idee gemeinsam verfolgt. Es ist aus heutiger Sicht betrachtet für mich ein einzigartiges Herzensprojekt gewesen. Einerseits, weil ein Debütalbum natürlich zweifellos wichtig ist, andererseits aber auch, weil es alles sehr kompromisslos war. Mir war egal, ob sich die Platte am Ende verkauft oder nicht. Ich wusste: So etwas möchte und muss ich einfach machen!


Das sind nicht selten Projekte, die sich am Ende auf die eine oder andere Art und Weise amortisieren und sich sehr lohnen. In meinem Fall hat es sich definitiv gelohnt. Die Presse war damals auch noch ganz anders drauf. Die Jazzpresse hat in dieser Zeit mit Argusaugen darauf geguckt und wirklich nicht immer wohlwollend kommentiert, dass da ein junger Musiker gerade nicht versucht, Avantgarde-Musik zu machen, sondern sich einem eher traditionellen Projekt widmet. Dadurch kam meine Karriere erst so richtig in Fahrt. Letztlich wollte man eben kritisieren, aber das


hat mir offen gesagt alles nur genutzt.

Pressefoto: Georg Hohenberg


Es ging für Ihre Karriere dann auch schnell bergauf. Sofort nach dem Debüt folgte der deutsche Schallplattenpreis, die Arbeit mit zahllosen international renommierten Musikern. Hatten Sie schon früh eine Art Masterplan für Ihre Karriere — oder ließen Sie die Dinge auf sich zukommen?


Ich wollte Jazztrompeter werden, ich hatte mir überhaupt keine Gedanken gemacht, ob ich davon leben können werde oder nicht. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir gewünscht, dass mir das der ein oder andere vielleicht doch noch mal ein bisschen erklärt hätte. Aber da ich in einer Rundfunk-Bigband saß mit meinen 20 Jahren, schien dieses Thema für mich abgehakt. Im Prinzip war ich sozusagen dem bitteren Scheitern wirtschaftlicher Natur entkommen — und hatte natürlich noch überhaupt nicht auf dem Schirm, dass ich acht Jahre später das Gefühl haben könnte, dort freiwillig wieder ausscheiden zu wollen. Dass mich nach acht Jahren diese Strukturen in einem festangestellten Umfeld auch mal daran hindern würden, was ich machen wollte. Dann war es ein Schritt, der nicht leicht, aber trotzdem sehr wichtig für mich war: Zu sagen, ich gebe diese Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses auf und tummle mich in der freien Szene. Am Ende hat sich das aber gelohnt.


Sie haben etwas geschafft, das fast keiner geschafft hat: Sie sind einer der wenigen bekannten Jazzmusiker Deutschlands, die man auch weit außerhalb der Jazzszene kennt. Klaus Doldinger und Sie fallen mir da ein, ansonsten ist das eigentlich nichts Übliches im deutschen Sprachraum.


Nein, eigentlich nicht, das stimmt. Das hängt auch sicherlich mit ein, zwei Faktoren zusammen, die ich mir selbst gezimmert habe, auf der anderen Seite aber auch Dinge, die mir zugute kamen. Es ist immer eine Kombination aus Glück, Fleiß und am Ende des Tages den richtigen Moment zu finden. In den 1990er-Jahren wurde ich zwei, dreimal in Roger Willemsens Sendung eingeladen, das war zu dieser Zeit auch genau die Zielgruppe. Auf einmal wussten ziemlich viele in, aber auch außerhalb der Szene, wer Till Brönner ist. Heute gibt es all diese Sendungen gar nicht mehr. Insofern war ich schon privilegiert, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein mit dem, was ich zu sagen hatte.




Der Kommerzheini in den Augen dieser Nischen-Experten

Sie hatten nie Angst vor einer Schnittmenge mit Pop.


Ja, das kann man, glaube ich, sagen. Letztlich ist es allerdings so, dass ich auch selber immer noch einen großen Teil meiner Persönlichkeit der Mehrheit zurechne. Anders ausgedrückt: Das, was ich da auf Platte mache, das ist zu 100 % das, was mir gefällt, aber auch das, was anderen Leuten gefällt. Diese Schnittmenge hat mich persönlich immer sehr interessiert und umgetrieben.


Sie wurden ja auch durchaus immer wieder kritisiert — hat Sie das gestört oder war Ihnen das egal?


Ganz am Anfang hat es mich schon natürlich verletzt und beschäftigt — weil ich ja nichts anderes machte, als mir einfach meinen Kindheitstraum zu erfüllen. Ich finde es im Nachhinein lustig, dass ich schon während meiner Kindheit mit meinem Jazzgeschmack bei meinen Klassenkameraden wahrlich keine offenen Türen einrannte und vor allen Dingen das Gefühl hatte, schon lange gegen den Strom geschwommen zu sein.


Als ich dann mit meiner ersten Platte rauskam, stellte ich fest, dass das in dieser Hardcore-Jazzszene mit noch mal ganz anderen Augen gesehen wurde. Und dass ich, obwohl ich lange gegen meine Generationsgenossen ankämpfen musste, mit dieser Musik trotzdem immer noch der Kommerzheini in den Augen dieser Nischen-Experten war. Das hat mich am Anfang schon beschäftigt, weil auch teilweise sehr unfaire und und nicht sehr fundierte Beiträge dabei waren. Irgendwann wurde es mir aber egal und bis heute interessiert mich eigentlich nicht, wie das jemand findet. Einfach, weil ich gemerkt habe, dass ich selber am Ende des Tages mein größter Kritiker bin. Ich weiß genau, wenn etwas funktioniert hat und wenn etwas nicht so gut war.


Wie war es eigentlich, mit Dave Brubeck zu arbeiten?


Man hat bei Dave Brubeck einfach gemerkt, welch tiefes historisches Verständnis er hatte — und dass er diesen großen Erfolg, den er mit Take Five genoss — auch durch seinen Saxofonisten Paul Desmond— mit sehr großer Demut entgegentrat. Es war einfach ein sehr positiver Typ. Wenn man sich in dem großen Dokumentarfilm von Ken Burns den Passagen annähert, in denen Dave Bruckeck als als weißer Jazzmusiker über das Problem von Rassendiskriminierung spricht: Das geht wirklich zu Herzen. Brubeck war einer der großen Pioniere und letztlich auch Vermittler dieser Musik, nicht zuletzt zwischen Schwarz und Weiß.



Pressefoto/Universal

Till Brönner: Von Ray Brown habe ich wahnsinnig viel gelernt


Gab es sonst noch Zusammenarbeiten, die Sie besonders geprägt haben oder Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?


Von Ray Brown habe ich auch wahnsinnig viel gelernt. Mit ihm zu arbeiten war ein ganz besonderes Erlebnis — einfach, weil er mit so viel Geschichte an den Hacken ins Studio kam und an der Seite von Oscar Peterson, Ella Fitzgerald oder Quincy Jones einfach das ganze Leben und auch die geschäftliche Seite des Musikerseins so gefressen hatte. Auch die Zusammenarbeit mit Hildegard Knef war eine, die mich bis heute sowohl künstlerisch als auch menschlich begleitet hat.


Sie sind dann relativ bald nach Amerika gegangen — wie waren Ihre ersten Erfahrungen als Musiker in den USA?


Das Grundverständnis für Jazz ist dort natürlich ein anderes als bei uns. Einfach, weil einer Stadt wie New York diese Musik gewissermaßen in der DNA steckt. Genauso wenig darf man aber verschweigen, dass Jazz als amerikanische Kunstform seine wirklich große Anerkennung und seinen großen Erfolg erst in Europa so richtig erlebt hat. Also in jener Zeit, in der Künstler wie Miles Davis oder John Coltrane nach Europa gereist sind, in der Zeit, in der Norman Granz „Jazz and the Philharmonic“ entwickelte und plötzlich in den großen Konzerthäusern gespielt wurde. Das hatte eine ganz große Wirkung auf die Musiker. Nicht wenige von ihnen sind in Paris geblieben, weil sie das Gefühl hatten, dass man ihnen viel ungezwungener begegnet. Das ist in Amerika bis heute nicht der Fall. Es ist so wie mit den Künstlern im eigenen Land: Man schielt gerne ins Ausland. So ist es Jazz in Amerika gegangen. Man glaubt es kaum, aber so war es.


2010 wurden Sie Juror in der Show „The X-Factor“ — und erlebten dadurch einen noch größeren Popularitätsboost. Wie erlebten Sie diese Zeit — war es deutlich spürbar, dass Sie plötzlich auch von Personen erkannt wurden, die sonst vielleicht gar nicht mit Ihrer Musik in Berührung gekommen wären?


Ja, das war schon deutlich, das konnte ich damals nicht ignorieren. Ich durfte in dieser Show wirklich das sagen, was ich denke, ich musste da keine Zoten auswendig lernen. Ich war nicht derjenige, der dafür engagiert wurde, die Kombattanten fertigzumachen. Ich war immer der, der letztlich mit seiner Erfahrung und seinem Bauchgefühl dort Leute beurteilen konnte. Das haben mir die Menschen abgenommen. Der Bekanntheitsgrad ist natürlich über Nacht erheblicher angewachsen als mit jedem anderen Schritt in meiner Laufbahn. Das lag einfach an der Fernsehpräsenz, das ist ganz klar. Das ist dann über die Zeit wieder ein bisschen abgeflaut. Heute empfinde ich das als gesundes Verhältnis, aber es hat mir nicht geschadet.




Sie leben teils in Los Angeles. Wie ist das Leben für Sie dort?


Diese Kombination aus der landschaftlichen, der künstlerischen, also rein inhaltlichen und der geschäftlichen Seite: die hat man nur dort. Los Angeles ist die Riviera der USA. Die dortige Studioszene ist von ganz anderen Musikern durchsetzt als die in New York. In New York geht es um das pur Jazz spielen im kleinen Club. Die Dienstleistungsseite ist in L.A. für Jazzmusiker immer noch eine sehr stabile. Da werden immer noch für Filme wahnsinnig viele Musiker engagiert und wenn die flexibel genug sind, dann haben sie auch eine Menge zu arbeiten. Was L.A. schwierig macht, ist, wenn man nicht dort arbeitet, also sich sozusagen als Künstler oder was auch immer, dort einfach nur zum Wohnen einzufinden.


Los Angeles hat für Sie als Fotografen bestimmt auch jede Menge Potenzial.


Ja, ich habe mit meiner Kamera da große Freude gehabt. Ich habe Kollegen rauf und runter fotografiert, bin auf die Suche gegangen. Man findet eigentlich immer irgendetwas, das wirklich so viel spannender und schicker aussieht als hierzulande.

Sie gehen demnächst auf Weihnachtstournee. Hat sich die Lage seit der Pandemie Ihrer Meinung nach in puncto Konzerten wieder einigermaßen normalisiert?


Normalisiert hat sie sich keinesfalls, das muss man wirklich sagen. Sonst wäre ich jetzt überall wieder so wie vorher. Oder vielleicht sogar etwas besser, weil die Menschen ja auch länger keine Konzerte erlebt haben und da eigentlich immer noch ein sehr großer Hunger da sein müsste. Tatsächlich ist es so, dass ein Großteil der Szene, die im Mittelfeld geschwommen sind, auf ihrem Gebiet festgestellt haben, dass die Kartenverkäufe nur sehr unregelmäßig und teilweise auch äußerst dezimiert vonstattengehen. Ich darf sagen, dass wir Glück hatten und dass es bei unserer Tournee super läuft. Aber ich kenne Kollegen, die sich ganz schön gewundert haben.


Till Brönner – "Christmas Live"-Tourdaten 2022:

12.12.2022 — Berlin, Staatsoper

13.12.2022 — Dortmund, Konzerthaus

14.12.2022 — Wiesbaden, Kurhaus

15.12.2022 — Duisburg, Mercatorhalle

16.12.2022 — Düsseldorf, Tonhalle

20.12.2022 — Hamburg, Laeiszhalle

21.12.2022 — Hannover, Kuppelsaal

22.12.2022 — Bremen, Glocke

23.12.2022 — Lübeck, MUK


Tickets für die Termine der „Christmas Live“-Tournee 2022 gibt es unter www.myticket.de und unter der gebührenfreien Tickethotline 040 - 23 72 400 30 sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen.



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